Vom legalen Eigenanbau bis zur alten Kulturpflanze
Cannabis in Deutschland und Europa – Eine historische Rückschau: Die Geschichte des Cannabis in Europa ist geprägt von medizinischer Nutzung, wirtschaftlicher Bedeutung und politischen Verboten. Besonders spannend: Viele Entwicklungen verlaufen zyklisch – was heute langsam wieder erlaubt wird, war über Jahrhunderte völlig selbstverständlich.
2025 – Entkriminalisierung und kontrollierter Eigenanbau
Seit April 2024 erlaubt die Bundesregierung unter der Ampelkoalition den besitz und Anbau von Cannabis für Erwachsene im Rahmen des „Cannabisgesetzes“ (CanG):
- Bis zu drei Pflanzen pro Person im privaten Raum.
- Bis zu 25g Besitz für den Eigenbedarf in der Öffentlichkeit.
- Bis zu 50g Besitz im privaten Raum.
- Mitgliedschaft in Anbauvereinigungen („Cannabis-Clubs“) erlaubt.
- Konsum unter bestimmten Auflagen legalisiert.
Damit bewegt sich Deutschland auf eine regulierte und entkriminalisierte Nutzung zu, ähnlich wie in Malta, Luxemburg und Teilen Spaniens. Ziel: Jugendschutz, Qualitätssicherung, Entkriminalisierung und Reduzierung des Schwarzmarkts.
2000er bis 2017 – Beginn der medizinischen Freigabe
Im Jahr 2017 legalisierte Deutschland Cannabis auf Rezept (§ 31 Abs. 6 SGB V).
Seitdem dürfen Ärzte medizinisches Cannabis bei schwerwiegenden Erkrankungen verschreiben, etwa bei:
- Chronischen Schmerzen
- Multipler Sklerose
- Appetitlosigkeit bei Chemotherapie
- Übelkeit bei Chemotherapie
- Tourette-Syndrom
Apotheken geben standardisierte Blüten, Extrakte und Dronabinol aus – streng überwacht durch das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte).
1980er bis 1990er – Kriminalisierung und Gegenkultur
Nach Jahrzehnten der Verbote entstand eine lebhafte Cannabis-Subkultur, getragen von Musik, Kunst und politischen Bewegungen. In den 1990ern wurde Cannabis zunehmend zum Symbol der Drogenpolitik-Debatte – zwischen Repression und Reform.
- 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass geringe Mengen Cannabis zum Eigenverbrauch nicht zwingend strafrechtlich verfolgt werden müssen – das sogenannte „Eigenbedarfsurteil“.
- Dennoch blieb Besitz formal illegal nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG).
1950er bis 1970er – Das Zeitalter der Verbote
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen viele europäische Länder die restriktive US-amerikanische Drogenpolitik („War on Drugs“). Cannabis wurde 1961 im Rahmen des Einheitsabkommens über Suchtstoffe der Vereinten Nationen (Single Convention on Narcotic Drugs) offiziell als narkotisches Mittel eingestuft – trotz jahrtausendelanger medizinischer Nutzung.
- Verdrängung aus der Medizin
- Stigmatisierung von Konsumenten
- Ersatz durch synthetische Schmerz- und Schlafmittel
1920er bis 1930er – Erste gesetzliche Einschränkungen
In der Weimarer Republik war Cannabis in Apotheken noch frei erhältlich, etwa als Tinktur oder Extrakt. Erst in den 1920er Jahren begann Deutschland unter internationalem Druck (v. a. von Großbritannien und den USA) mit einer Reglementierung der Cannabisarzneien.
1930 wurde Cannabis offiziell ins deutsche Opiumgesetz aufgenommen.
19. Jahrhundert – Cannabis als Medizin und Industrieprodukt
Im 19. Jahrhundert war Cannabis in Europa weit verbreitet:
- Ärzte verschrieben Cannabistinkturen gegen Schmerzen, Schlafstörungen, Asthma, Depressionen.
- In Apotheken erhältlich als „Extractum Cannabis indicae“ oder „Tinctura Cannabis“.
- Gleichzeitig war Hanf (Cannabis sativa L.) eine wichtige Industrie- und Nutzpflanze – in Textilien, Schiffstaue, Segel, Papier.
Hersteller wie Merck und Bayer führten Cannabispräparate in ihren pharmazeutischen Katalogen.
Erst mit der Einführung moderner synthetischer Medikamente verlor die Pflanze an Bedeutung.
Frühe Neuzeit bis Mittelalter – Hanf als Grundrohstoff Europas
Hanf war über Jahrhunderte eine der bedeutendsten Kulturpflanzen Europas.
- Ab dem 13. Jahrhundert diente er zur Herstellung von Seilen, Stoffen, Öl und Papier.
- Im 15. Jahrhundert bestand nahezu jedes Segel und Tau einer europäischen Handelsflotte aus Hanf.
- Sogar die erste Gutenberg-Bibel (1455) wurde auf Hanfpapier gedruckt.
Cannabis hatte dabei kaum etwas mit „Rausch“ zu tun – der THC-Gehalt damaliger Sorten war gering.
Antike bis Frühgeschichte – Heilpflanze und Ritualpflanze
Archäologische Funde zeigen, dass Cannabis in Zentralasien, Persien und später Europa seit mindestens 5.000 Jahren bekannt ist.
- Skythen und Thraker nutzten Hanf rituell und medizinisch.
- Griechische und römische Ärzte (u. a. Dioskurides, Galen, Plinius) beschrieben Cannabis als Mittel gegen Schmerzen, Entzündungen und Krämpfe.
- In germanischen und keltischen Kulturen fand Hanf Verwendung als Faser-, Heil- und Ölpflanze.
Damit zählt Cannabis zu den ältesten Kultur- und Heilpflanzen der Menschheit.
Der Kreis schließt sich
Cannabis kehrt in Europa und Deutschland zu seinen historischen Wurzeln zurück: Von der alten Heilpflanze und Nutzpflanze über Jahrzehnte der Kriminalisierung hin zur wissenschaftlich fundierten, regulierten Nutzung. Heute geht es weniger um Ideologie als um Gesundheitsschutz, Aufklärung, Forschung und Qualitätskontrolle.
Mit der neuen Gesetzgebung entsteht die Chance, die Pflanze – wie einst – als nützliches, sicheres und gesellschaftlich integriertes Gut zu betrachten.
